Tourenbericht Hochtourenwoche 2015 "Gran Paradiso"

Nachdem wir ein paar Wochenenden zuvor im heimischen Klettersteinbruch noch einen Intensivkurs in Alpiner Seil- und Sicherungstechnik etc. absolviert hatten, ging es am Morgen des 28.06.2015 in aller Herrgottsfrühe in zwei Fahrgemeinschaften los in Richtung Gran Paradiso Val Savarenche.

Wir – Das sind in diesem Jahr: Dirk Kahmann, Karin Franken, David Stehle, Jörg Rohlfing, Sören Limberg, Andrea Friebel und Klaus Kämmerling und eine unbedingt schlagkräftige Truppe! Für alle außer Dirk und mir sollte es der erste Viertausender, für die meisten auch die erste Hochtour überhaupt werden.

Nach komfortabler Autofahrt begrüßte uns das Val Safarenche mit goldener Abendsonne und wir genossen den ersten Abend in der italienischen Gastlichkeit des Rif. Tetras Lyre

Am Montag stiegen wir ohne Eile nach einem ausgiebigen Frühstück die 700 Höhenmeter zur Rifugio Vittorio Emanuelle II (2732) auf, die wir gegen Mittag erreichten. Nach einer kurzen Rast und einem Hüttenrundgang entschieden wir uns für ein Schlaflager im Wohncontainer, der uns dafür alleine gehörte.

Vor unserer "Box" hatten wir eine eigene Terrasse, die wir als Sonnen- und Ausbildungsterrasse nutzten. Nach einem ersten Schläfchen wurde das Material sortiert und eingestellt. Danach hatten wir viel Zeit, um Ausbildungsinhalte zu wiederholen und auch noch die letzte Frage zu klären. Später am Nachmittag stiegen wir dann zum unteren Rand des Montcorve Gletschers auf, um uns ein wenig zu akklimatisieren und die Spaltenbergung zu üben.

Das leckere Abendessen hatten wir uns danach redlich verdient. Das großzügige "Drei Gänge Menue" und ein Gläschen Wein sorgte schnell für wohlige Zufriedenheit. Nach ein paar Spielchen und der Besprechung des kommenden Tourentages ging es in unsere Box zum schlafen.

30.06.2015: Der Abenteuer-Aufstieg auf das Ciaforon

Am Morgen des ersten Tourentages schritten wir gemächlich um 5.30 Uhr dem Gletscher entgegen. Der Weg war vom Vortag noch bekannt, so dass wir mit der klaren, kalten Bergluft in den Lungen voll und ganz das Erwachen des Tages genießen konnten. Auf dem harten Gletscherfirn kamen wir zügig voran. Kurz bevor die Spur den eigentlichen Grat erreicht, steilte sich der Firn stark auf, so dass wir das erste Fixseil legen mussten.

Am Grat begann nun die Kletterei. Zwei Seillängen am Fixseil mussten bewältigt werden. Für den Goßteil der Gruppe war ausgesetzte Kletterei in 3400m Höhe mit Steigeisen und Rucksack ein absolutes Novum und eine echte Herausforderung. Wir nahmen uns deshalb viel Zeit.

Nach dem Überwinden der Felsstufe machte die Steilheit im Firn eine weitere Seillänge am Fixseil erforderlich. Am Gipfelaufschwung dann ging die Hangneigung langsam in die Komfortzone über und so stapften wir schließlich überglücklich auf den Gipfel des Ciaforon. Auch wenn dieser neben dem Gran Paradiso gerade einmal 3642 Meter hoch ist, war er alpinistisch gesehen eigentlich schon die größte Herausforderung unserer Tour! Ein wolkenloser Himmel gewährte uns endlose Weitblicke und eine unverstellte Aussicht auf die gewaltige Südseite des Montblanc Massivs.

Da das Wetter absolut stabil war, nahmen wir uns auch im Abstieg viel Zeit. Die brauchten wir auch, da auch das Abseilen unter realen Bedingungen eine Neuigkeit war, die Überwindung und Aufmerksamkeit kostete. Zu allem Überfluss hatte sich beim Abziehen ein Seil so verhängt, dass ich die gesamte Seillänge noch einmal klettern musste, um das Seilende frei zu bekommen. Als wir dann endlich wieder auf dem Gletscher  Richtung Hütte voranschritten, war die Abendstimmung doch schon sehr spürbar. Müde aber glücklich erreichten wir das tolle Abendessen auf der Hütte und das eine oder andere Glas Wein machte das Leben leicht.

Am 1.7. klingelte der Wecker abermals um 4.30 Uhr. Ziel des heutigen Tages war der 3.609 m hohe Gipfel der "La Tresenta", die kürzeste Etappe unserer Hochtour und unbedingt die Wellness- und Genusstour der Woche. Wir schnürten diesmal um 6 Uhr unsere Bergstiefel. Zügig näherten wir uns dem Firn und legten mit geübten Fingern unsere Steigeisen an. Alsbald erreichten uns die ersten Sonnenstrahlen und warfen lange Schatten auf dem Schnee.

Einige Höhenmeter und unzählige Schritte weiter fanden wir uns an einem stattlichen Blockfeld wieder. Hier gönnten wir uns den Luxus einer kleinen Pause. Frisch gestärkt machten wir uns ohne Steigeisen auf, die letzte Passage zum Gipfel zu überwinden. Auf dem Gipfel um 9.40 Uhr angekommen, war die Sicht in alle Richtungen atemberaubend. Als Gipfelschnaps genehmigten wir uns heute einen Genepi! Beim Blick nach unten traute David seinen Augen nicht: Neben einem wunderschönen azurblauen mit Eisschollen bespickten Gletschersee erspähte er einen Wolf! Es war so schön ruhig und sonnig, dass sich alle gemütlich auf die großen Steine hinstreckten und auf der La Tresenta Siesta hielten.

Es fiel uns schwer, diesen schönen Ort wieder zu verlassen. Den Nachmittag verbrachten wir mit den Franzosen Eric und Benjamin bei Kartenspiel auf der Hüttenterasse und genossen das Leben in vollen Zügen. Andrea und Karin waren froh, nicht zu der französichen Gruppe zu gehören. Den Franzosen waren ihre Frauen zu langsam, deshalb mussten sie zuhause bleiben! Quel honte! Ein Hoch auf die toleranten Männer unserer Gruppe! Eine Stunde vor dem 3-Gänge-Menü packten wir für unseren großen Aufstieg. Dirk und Klaus erkundeten noch den ersten Teil des Anstieges, dann ging es zügig ins Bett.

 02.07.2015 (dritter Tourentag): Aufstieg zum Gran Paradiso

Gegen 2 Uhr durchbrach der Wecker die Nachtruhe unseres 9-Personen-Bergsteigerdomizils, um zum wortwörtlichen Höhepunkt der Woche zu starten. Leider hatte die Küche um diese Uhrzeit noch nicht geöffnet, so dass unser geplantes Frühstück ausfiel. Stattdessen wurden die eisernen Notreserven als willkommener Blutzuckerschub verzehrt.

Bei sternklarem Himmel stapften wir im hellen Schein des Vollmondes gegen 2:38:14 Uhr Ortszeit los, zunächst über Blockwerk und Geröll, dann als Seilschaft über Schnee und Eis. Im Lichtkegel der Stirnlampen wiesen uns die unzähligen Steinmandl den Weg. Das kalte Mondlicht schimmerte auf dem nassen dunklen Fels und sorgte für eine einmalige Stimmung.

Weit hinter uns beobachteten wir alsbald weitere beleuchtete Karawanen, die ebenfalls den Weg zum Gipfel suchten. Gegen 6:30 Uhr gab es mit einem Marschfrühstück die erste wohlverdiente Pause. Da sich die Sonne zu dieser Uhrzeit noch hinter dem Gipfel versteckte, wurden sämtliche Jacken ausgepackt und angezogen. An dieser Stelle konnten wir bei wolkenlosem Himmel auf die eroberten Gipfel der Vortage hinabschauen und staunen. Für uns ging es nun noch weiter hinauf – einen Viertausender erreicht man ja nicht einfach so. Nach einem kleinen Sprung über den Bergschrund gegen 8:18 Uhr, konnten wir wenige Minuten später den Felsgipfel erreichen.

Aufgrund des großen Andrangs entschlossen wir uns, nicht weiter bis zur Madonnenstatue vorzudringen. Aus (halb-)sicherer Entfernung konnten wir das Marienbild bewundern und die 4000er-Luft genießen.

Nach dem wir noch ein paar Sonnenstrahlen getankt hatten, ging es aufgrund der turbulenten Atmosphäre am Gipfel wieder hinunter. Auf dem Rückweg machten wir an unserem bewährten Frühstücksplätzchen Rast und legten nun in der Wärme der Mittagssonne ein kleines Schläfchen ein. Gegen 14 Uhr erreichten wir sehr stolz wieder unser liebgewonnenes Hüttendomizil. Die Zeit bis zum Abendessen wurde zur Regeneration und Fachsimpelei genutzt. Am Abend erfolgte dann die Taufe der tapferen 4000er-Gipfelstürmer. Dazu wurde Karin, David, Sören, Andrea und Jörg über eine Eisschraube die hochprozentige, kräuterhaltige Spezialität "Genepy" in hinreichender Menge verabreicht. Gemeinsam ließen wir dann noch diesen schönen und ereignisreichen Tag ausklingen.

Unser Tatendrang war nach drei erlebnisreichen Gipfeltouren gestillt  und die Beine signalisierten deutlich, dass es genug war. Deshalb haben wir von einer Besteigung der Becca di Monciair am nächsten Tag einstimmig abgesehen. (Man muss ja auch einen Grund haben noch einmal wieder zu kommen!)

Ich danke allen für die fröhliche Tourengemeinschaft und freue mich auf das nächste Jahr

Euer Klaus